Die Vermittlung gebauter Geschichte

Noch lange bevor Gesetze zum Schutz von Baudenkmälern erlassen wurden, erkannte man ihren historischen und ideellen Wert. Für den Bezirk Kassel beispielsweise wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts von Alois Holtmeyer Kunst- und Baudenkmäler erfasst und in einem mehrteiligen Buchwerk beschrieben. Parallel dazu wurden in Atlanten die Bauwerke in Zeichnungen (Grundrisse, Schnitte, Ansichten) und Fotos festgehalten.

Die Aufzeichnungen in diesen Büchern konnten aufgrund der unglaublichen Anzahl von Bauwerken nicht lückenlos erfolgen. Von den Fachwerkbauten der ehemaligen Altstadt existieren nur einige Zeichnungen, Fotos von Portalen, reich verzierten Knaggen und anderen besonders ausgearbeiteten Bauteilen. Eine vollständige Aufzeichnung schien auch nicht nötig zu sein - der Zweite Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen für die historischen Stadtkerne war noch zwei Generationen entfernt. In anderen Fällen wurden in Annahme einer möglichen Zerstörung und anschließender Rekonstruktion Altstädte Bauwerk für Bauwerk vermessen, fotografiert und beschrieben, so geschehen in Frankfurt am Main ab 1942.

Die Vermittlung gebauter Geschichte zerstörter oder aus anderen Gründen nicht mehr existenter Städte kann jedoch nicht nur durch solche wissenschaftlichen Aufzeichnungen erfolgen. Anders als bei antiken Städten bestand in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts "glücklicherweise" schon die Möglichkeit der Fotographie. In den Stadtarchiven, Museen und privaten Sammlungen befinden sich in jeder Stadt Fotosammlungen, die die Stadt bildlich festgehalten haben.

Die meisten Menschen geraten so über den Umweg von Büchern oder Zeitungsartikeln in Kontakt mit der alten Stadt. Einen Makel haben die Fotografien: sie sind zumeist monochrom und nur von mittelmäßiger bis schlechter Qualität, Eigenschaften, die nicht nur darauf hinweisen, dass es sich um alte Aufnahmen handelt, sondern leider auch den Dokumentationswert verringern und Bestand von Vergangenem noch mehr entfremden.

Vorhandene Filmaufnahmen spielen für die Vermittlung gebauter Geschichte seltener eine Rolle als Fotos, auch sie sind zumeist monochrom und detailarm. Farbe findet man vor allem bei einem weiteren Medium: dem Gemälde. Dieses Medium kann jedoch auch nicht das Mittel der Wahl für die Vermittlung sein. Zum einen existieren nur von wenigen Orten der Altstädte Gemälde, zum anderen ist das Werk eines Künstlers im Gegensatz zur Fotographie kein exaktes Abbild der Realität, sondern ein subjektiver Eindruck, der per Hand abgebildet wird: Farben können so ebenso von der Wirklichkeit abweichen, wie Abmessungen von Bauwerken, Straßen, Objekten usw.

Doch selbst wenn bereits in den 30er Jahren eine Erfassung mit modernen Kameras und Messinstrumenten möglich gewesen wäre und man sich heute Fotos in exzellenter Qualität anschauen könnte, wäre dadurch allein das Erleben zerstörter Altstädte noch nicht möglich. Kein Foto und kein Film kann das Betrachten vor Ort ersetzen. Erst hier kann der freie Wille verwirklich werden, sich im Raum umzuschauen und zu bewegen und den Raum dadurch zu erleben.