Das Vorhaben

Die zerstörte Altstadt wieder begehbar machen - was zunächst nach realer Rekonstruktion klingt, wie man sie derzeit in Dresden beobachten kann, ist auch auf eine andere Weise umsetzbar. Für die echte Rekonstruktion ist vor allem eine Voraussetzung zu schaffen, die fernab von vielen anderen Bedenken in fast allen zerstörten Stadtkernen nicht gegeben ist: der Raum. In Dresden waren große Teile des Neumarkts über Jahrzehnte hinweg unbebaut. Auch in Frankfurt bietet sich nach dem Abriss des technischen Rathauses die theoretische Möglichkeit des Wiederaufbaus eines Areals der Altstadt.

In den meisten Fällen jedoch sind nicht nur Grundstücke neu bebaut, auch Stadtgrundrisse haben sich verändert, Straßen sind verschwunden, neue entstanden, viele wurden verbreitert, Grundstücke wurden verlegt usw. Die moderne Stadt, oft verschrien als ungemütliche, hässliche Betonwüste, wird jedoch nicht nur deshalb ihren Platz anstelle der alten Stadt behalten, denn auch diese hat viele negative Eigenschaften, welche heute gerne übersehen werden: enge und dunkle Räume, niedrige Decken, hoher Instandhaltungsbedarf, enge, dunkle Straßen und Gassen, Hygieneprobleme, Brandschutz und andere Dinge waren die Kehrseite der Medaille, die heute vor allem Gemütlichkeit und schöne Fassaden proklamiert und eine gewisse Romantisierung betreibt. Doch was sich hinter diesen Fassaden abspielte, trug in der Wiederaufbauzeit zum großen Umdenken, zum Abschied von der alten Stadt bei.

So haben die meisten Städte den modernen Weg des Wiederaufbaus gewählt, Städte wie Freiburg wurden belächelt, hielt man sich doch hier an alte überkommene Stadtgrundrisse und Bauformen. Heute florieren diese Stadtkerne, die nicht mal ihre Altbauten imitiert, sondern an lokalen Bautraditionen festgehalten und irgendwie doch modern auf altem Grundriss aufgebaut haben. Selbst der Prinzipalmarkt in Münster imitiert nicht, die Unterschiede sind bei genauem Hinsehen groß, die Neubauten eindeutig aus den 50ern. Liegt es also doch eher am Stadtgrundriss, als an der Architektur selbst, dass viele Städte einen schmerzlichen historischen Bruch verspüren lassen?

Diese Frage können Fotos nicht beantworten, da man durch sie den Raum nicht erleben kann. Die interaktive digitale Rekonstruktion jedoch kann auch den Raum wieder erlebbar machen, der sich völlig verändert hat. Dort wo neue Straßenzüge den alten Grundriss begraben haben oder Gassen in der Altstadt erheblich verbreitert wurden, kann so bei entsprechender Qualität der Simulation ein Vergleich mit dem Bestand stattfinden. Digitale Rekonstruktionen von Gebäuden oder Teilen von Städten sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. In diesem Vorhaben jedoch wird besonderer Wert auf Realismus und Interaktivität gelegt werden - nur so kann der digitale Raum über das bloße Betrachten eines Modells, welches als solches erkennbar ist, hinausgehen und erlebbar gemacht werden.

Für das Vorhaben wurde die zerstörte Innenstadt von Kassel ausgewählt, die nicht nur den Großteil ihrer Baudenkmäler verloren hat, sondern auch große Teile ihres historisches Grundrisses. So sollen letztendlich Vergleiche von Orten möglich sein, die sich völlig verändert haben.

Im Rahmen des Vorhabens soll nach optimalen Wegen geforscht werden,
  - nicht mehr existente historische Bauten auf Basis vorhandener Medien digital nachzubauen 
  - dem Modell einen möglichst realistischen Charakter zu verleihen
  - das Modell in realistischer Weise am Rechner begehbar zu machen

Dadurch soll im Rahmen des Möglichen der Eindruck erweckt werden, den virtuellen Raum tatsächlich zu begehen, die Stadt also wirklich zu durchlaufen und zu erleben.  

Neben der Architektur der Bauwerke und dem Stadtgrundriss gibt es einen weiteren zunächst unsichtbaren Faktor, der in großem Maße über den Eindruck des Stadtkerns entscheidet: die Stadtstruktur nach Funktionen. Die historische Stadt ist in einem natürlichen Strukturgemisch gewachsen: Wohnen, Arbeiten, Industrie, alles war durchmischt und führte nicht nur zu schlechter Luftqualität, sondern vor allem auch zu großer Lebhaftigkeit. Die oftmals in der Wiederaufbauzeit genutzte "Chance" der Funktionentrennung (nun Wohngebiete, Industriegebiete, Stadtkern mit Läden, Verwaltung, Büros als "Arbeits- und Einkaufsgebiet" sowie Erholungsgebiete) zog das Wohnen aus dem Stadtkern (im Falle von Kassel die gesamte Kernstadt) oder verlegte das Arbeiten und Betriebe nach Außen (hier die ehemalige Fachwerkaltstadt). Die Leblosigkeit in vielen Innenstädten ist heute ebenso verständlich wie das Staunen des Laien, der sich über die Lebhaftigkeit in Stadtkernen wundert, die noch ein Strukturgemisch besitzen.

Die Änderung der Stadtstruktur mit ihren Folgen ist ein Faktor, den die interaktive Architekturdarstellung ebenfalls simulieren kann. So können sich selbst texturierte Avatare durch das Modell als Passanten bewegen, aber auch die Fahrt von Fahrzeugen und Straßenbahnen vorprogrammiert werden. Allein in der Enge der Gassen liegt ein wesentlicher Unterschied zu einer Momentaufnahme im Bestand - die Strassenbahn, die auf engstem Raum zwischen Fachwerkhäusern abbiegt, hinterlässt einen völlig anderen Eindruck, als die heutige Realität. Die strukturelle Vielfalt kann beispielsweise durch eine passende Geräuschkulisse simuliert werden. Meist ist schon anhand der Fassadenfotografien erkennbar, welches Gewerk sich wo befand. In der Nähe eines Schmieds kann dann das Schlagen auf den Amboss ertönen, aus den zahlreichen Gastwirtschaften rege Unterhaltungen oder Gläserklirren. Das Erleben des digitalen historischen Stadtraums am Computer kann also nicht nur Bauwerke vermitteln, auch andere Dinge, die zunächst unsichtbar sind, deren Wirkungen sich aber umso gewichtiger gestalten, können vermittelt werden.